Julia Sperle

"Heimat, am intensivsten wird sie erlebt, wenn man weg ist und sie einem fehlt; das eigentliche Heimatgefühl ist Heimweh"
(Berhard Schlink 2000)

So sehr Heimat auf Orte bezogen ist, Gebruts- und Kinheitsort, Orte des Glücks, Orte an denen man lebt, wohnt, arbeitet, Familie und Freunde hat – letztlich hat sie weder einen Ort, noch ist sie einer. Heimat ist Nichtort, Heimat ist Utopie. Diesen Gedanken, den Bernhard Schlink in seinem Essay HEIMAT ALS UTOPIE beschreibt, ist ein wichtiger Ankerpunkt in meiner Arbeit als Modedesignerin.

Man kann bis zum heutigen Zeitpunkt keine genaue Anzahl von Trachten in Deutschland bestimmen. Durch winzige Details unterscheiden sich meist schon Nachbardörfer in ihren Trachten voneinander, diese Details beruhen auf Bräuchen, die meistens durch ihren Glauben definiert werden. 

Durch die Definition einer Tracht, die einem bestimmten Ort zugeordnet ist, ist Heimat ein festgelegter Standpunkt und keine Utopie mehr. So entsteht eine Schwere, die man besonders in der Tracht wieder findet. Diese Jahrhunderte alten Gewänder, meist von Hand gefertigt, bestickt und mit Perlen versehrt, sind voluminös und schwer. Die Trägerinnen zwängen sich mit Hilfe von mehreren Frauen in Stundenlangem Anlegen in ihre Tracht hinein. 

Wenn ich meine Trachtenbücher durchschaue, strahlt mein Herz ehrfürchtig, welch Arbeit hinter diesen Gewändern steckt. Ich möchte diese Trachten berühren, sie analysieren und meine kreativen Gedanken an ihnen verlieren. 

Ich erschaffe in meiner Arbeit als Modedesignerin den Gedanken HEIMAT ALS UTOPIE wieder neu. Während Bernhard Schlink auf den Ort und das Exil eingeht, widme ich mich der Tracht, die so klar eine Heimat von Menschen definiert. Ich ziehe diese Tracht und die Traditionen für meine Inspirationsquelle aus dem Ursprungsort und analysiere sie. Dabei entstehent ein neuer Raum, ein neuer Gedanke und ganz besonders ein neues Kleidungsstück. 

In meiner Arbeit nehme ich der Tracht die Schwere, das Gewaltige, lasse ihr aber die Schönheit und das Verträumte. Sie wird ihrer Heimat entrissen und begibt sich an einen Nichtort, an dem sie eine neue Bedeutung bekommt. 

JULIASPERLE heißt mein Modelabel, dass ich am 01.11.2011 in Hamburg gegründet habe. Ich befasse mich mit Trachten, Traditionen, Glauben und der Heimat als Ort und Nichtort. Mit meiner Arbeit für mein Label möchte ich meinen Kundinnen nicht nur moderne, leichte und bezaubernde Mode verkaufen. Ich möchte ihr gerne Geschichten mit auf den Weg geben.

juliasperle.de